Wir und die anderen

Antipathien und Sympathien in der Schweizer Bevölkerung

Wir beleuchten die Polarisierung mit einer neuen Studie

Entlang welcher Fragen und zwischen welchen Gruppen ist die Schweiz besonders polarisiert? Und welche Auswirkungen hat die Polarisierung auf das Verhalten der Schweizer Bevölkerung?

Um Antworten auf diese und andere Fragen zu finden, haben Pro Futuris und die Stiftung Mercator Schweiz Anfang Sommer 2024 eine nationale Bevölkerungsumfrage durchgeführt.

In Teil eins der Studienreihe haben wir den Blick auf die Polarisierung der Schweizer Bevölkerung rund um acht brennende politische Sachfragen gerichtet. In diesem Studienteil untersuchen wir, mit welchen Gefühlen sich verschiedene politische und gesellschaftliche Gruppen gegenseitig begegnen und wie es um das institutionelle Vertrauen der Schweizer:innen steht.

Titel

Wir und die Anderen

Untertitel

Antipathien und Sympathien in der Schweizer Bevölkerung

Publikationsdatum

21. März 2025

Autor:innen

Ivo Nicholas Scherrer, Isabel Schuler, Flurina Wäspi

Inhalt

In dieser Studie untersuchen wir mit welchen Sympathien oder Antipathien sich politische und gesellschaftliche Gruppen in der Schweiz begegnen, und wie es um das Vertrauen der Schweizerinnen und Schweizer in die demokratischen Institutionen steht.

Medienkontakt

Ivo Scherrer
ivo.scherrer@profuturis.ch, +41 78 808 10 96

Die Ergebnisse in Kürze

Trotz Polarisierung besteht ein Wunsch nach Austausch: Eine grosse Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer ist der Meinung, dass sich der Austausch mit Personen lohnt, die politisch eine ganz andere Meinung vertreten als sie selbst.

Die Stimmbevölkerung bringt der SVP als Partei wie auch den SVP-Wähler:innen als politische Gruppe ausgeprägte Antipathien entgegen. Gleichzeitig vergeben SVP-Wähler:innen fast allen Parteien und deren Wählerschaften jeweils die tiefsten Sympathiewerte. Im Kontrast dazu bringen Schweizer:innen aller parteipolitischer Couleur der Mitte-Partei und ihrer Wählerschaft vergleichsweise positive Gefühle entgegen.

Sympathien und Antipathien zwischen Links und Rechts sind nicht symmetrisch: Wähler:innen mit einer Präferenz für die FDP oder die SVP bringen Wähler:innen aus den links-grünen Lagern weniger Sympathien entgegen als links-grüne Wähler:innen den Wähler:innen aus dem konservativen, rechten Lager.

Die Bevölkerung beurteilt gesellschaftliche Gruppen, die kontroverse politische Fragen thematisieren (Klimaaktivist:innen und Pandemie-Massnahmengegner:innen) am negativsten. Gesellschaftliche Gruppen, die in der Wahrnehmung der Mehrheit von Normen abweichen oder marginalisiert sind (wie die reichsten 1 Prozent, Asylbewerber:innen und non-binäre Personen), sind ebenfalls mit viel Antipathie konfrontiert. Im Gegensatz dazu erfahren traditionell verankerte Gruppen wie Frauen, Personen vom Land oder Senior:innen eine überwiegend positive emotionale Bewertung.

Auch das institutionelle Vertrauen ist stark polarisiert: Am meisten Vertrauen setzen die Schweizer:innen in die Wissenschaft. Ebenfalls hohes Vertrauen hat die Stimmbevölkerung in die Polizei und die Justiz. Wenig Vertrauen bringen die Befragten hingegen für religiöse Einrichtungen, die Medien, die EU und politische Parteien auf. SVP-Wähler:innen misstrauen Bundesrat, Parlament, Medien, Wissenschaft und Justiz in einem besonders starken Mass – oft um ein Vielfaches mehr, als es die Wähler:innen anderer Parteien tun.

Austausch mit politisch Andersdenkenden

Eine grosse Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer ist der Meinung, dass sich der Austausch mit Personen, die politisch eine ganz andere Meinung vertreten als sie selbst, lohnt.

Unterschiede sind je nach Parteipräferenz sichtbar. SVP-Wähler:innen empfinden den  
Austausch mit politisch Andersdenkenden beispielsweise als weniger lohnenswert als Personen, die sich der politischen Mitte (glp, Mitte, FDP) zuordnen.

Vergleichsweise weniger Bedeutung messen Personen zwischen 45 und 54 Jahren dem Austausch mit Andersdenkenden zu. Die jüngste Generation (18-24 Jahre) empfindet den Austausch im Vergleich zu allen anderen Altersgruppen als am lohnenswertesten.

Empfinden gegenüber Parteien

Alle Wähler:innen bringen ihrer präferierten Partei viel Sympathie entgegen. So bewerten Wähler:innen ihre eigene Partei mit einem durchschnittlichen Wert von 7,95 stets am positivsten.

Parteien aus ähnlichen ideologischen Lagern werden ebenfalls positiver wahrgenommen. So bewerten SP-Wähler:innen die Grüne Partei mit 6,6 und die Grünen-Wähler:innen die SP mit 6,3. Auch die Wähler:innen der FDP und der Mitte empfinden die jeweils andere Partei als ähnlich sympathisch, die Sympathiewerte sind mit 5,6 und 5,7 hier allerdings etwas niedriger.  

Neben der Affinität zu ideologisch nahestehenden Parteien besteht auch eine Antipathie gegenüber ideologisch entgegengesetzten Parteien. Diese ist allerdings nicht symmetrisch. So finden zwar die Wähler:innen der SP und SVP die Partei am jeweils anderen Ende des politischen Spektrums wenig sympathisch. Doch im Unterschied zu den SP-Wähler:innen, für welche die SVP mit einem Empfindungswert von 1,9 klar die unsympathischste Partei ist, bringen die SVP-Wähler:innen der Grünen Partei (1,9) und der glp (2,9) mehr Antipathie entgegen als der SP (3,1).

Ebenfalls nicht symmetrisch verteilt sind die Werte zwischen links und mitte-rechts: SP-, Grünen- und glp-Wähler:innen können der Mitte (Werte zwischen 5,2 und 6) und der FDP (Werte zwischen 3,8 und 5) insgesamt mehr Sympathie abgewinnen als im umgekehrten Fall (Werte zwischen 3,3 und 5).

Empfinden gegenüber Parteiwählerschaft

Insgesamt bewerten Wähler:innen aller Parteien die gleichgesinnten Wähler:innen durchschnittlich am positivsten. Wir sehen ausserdem eine emotionale Nähe der Befragten zu ideologisch nahestehenden Wähler:innengruppen.

Insbesondere zwischen den Wähler:innen der Polparteien lässt sich eine deutliche Gefühlskälte beobachten. So bewerten sich Wähler:innen der SP und der Grünen auf der einen Seite und Wähler:innen der SVP auf der anderen Seite gegenseitig mit sehr negativen Gefühlen. Trotz ähnlich ausgeprägter ideologischer Distanz zu beiden Gruppen zeigen SVP-Wähler:innen dabei deutlich weniger Sympathie für Grünen-Wähler:innen (2,2) als für SP-Wähler:innen (3,1).

Allgemein zeigt sich, dass die Ablehnungsmuster zwischen den Parteiwähler:innen nicht symmetrisch sind: Wähler:innen mit einer Präferenz für die FDP oder die SVP bringen Wähler:innen aus dem links-grünen Lager weniger Sympathien entgegen als letztere für Wähler:innen aus dem konservativen, rechten Lager empfinden.

Im Vergleich über alle Parteiwähler:innen als besonders sympathisch wahrgenommen werden Wähler:innen der Mitte-Partei (der Durchschnittswert der Fremdeinschätzung liegt bei 5,3). Interessant dabei ist, dass die Mitte-Wähler:innen selbst gegenüber anderen Parteiwähler:innen deutlich negativer eingestellt sind.

Empfinden gegenüber gesellschaftlichen Gruppen

Gesellschaftliche Gruppen, die entweder stark politisieren (Klimaaktivist:innen und Pandemie-Massnahmengegner:innen) oder marginalisiert sind (Asylbewerber:innen), werden besonders häufig negativ bewertet.

Insbesondere SVP-Wähler:innen und zu einem geringeren Grad Wähler:innen der FDP und der Mitte hegen negative Gefühle gegenüber Klimaaktivist:innen (Werte von 2,3 bzw. 3,3 und 3,5), währenddessen Wähler:innen der Grünen und der SP mit Sympathien auf diese Gruppe blicken (mit Werten von 6,8 und 5,3). Gleichzeitig sind alle Wähler:innen – insbesondere diejenigen der glp, der Mitte, der FDP und der SP (Werte von 2,5 bis 4,0) – gegenüber Pandemie-Massnahmengegner:innen negativ eingestellt.

Wähler:innen, die linke Parteien mit progressiv-weltoffenen Positionen bevorzugen, sind deutlich positiver eingestellt gegenüber marginalisierten Gruppen (diverse/non-binäre Personen, Muslim:innen und Asylbewerber:innen). Im Gegensatz dazu hegen SVP-Wähler:innen gegenüber diesen Gruppen stark negative Gefühle (mit Werten zwischen 3,1 und 3,9).

Traditionell verankerte Gruppen wie Frauen, Personen vom Land oder Senior:innen erfahren parteiübergreifend eine überwiegend positive Bewertung.

Vertrauen in politische und gesellschaftliche Institutionen

Am meisten Vertrauen setzen die Schweizer:innen in die Wissenschaft (mit 60,2% Vertrauen vs. 15,3% Misstrauen). Ebenfalls hohes Vertrauen hat die Stimmbevölkerung in die Polizei und die Justiz.

Wenig Vertrauen bringen die Befragten hingegen für religiöse Einrichtungen (13,9% Vertrauen vs. 61,3% Misstrauen), die Medien, die EU und politische Parteien auf.

Dies war der Studie zweiter Teil...

Diese Studie ist die zweite einer dreiteiligen Reihe, die sich den Ursachen und Auswirkungen affektiver Polarisierung widmet.

Im dritten und letzten Teil der Studienreihe vertiefen wir, welchen Einfluss die affektive Polarisierung auf die Bereitschaft hat, Kompromisse einzugehen und auch mit jenen Parteien zusammenzuarbeiten, die einem besonders unsympathisch sind.

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Wer wir sind

Pro Futuris ist der Think + Do Tank der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft. Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie Zusammenhalt in einer vielfältigen Gesellschaft funktioniert – und wie wir als Demokratie unsere Zukunft selbst gestalten können.

Für die Durchführung der Bevölkerungsumfrage arbeiten wir mit der Forschungsgruppe E-Democracy des Kompetenzzentrums für Public Management (KPM) der Universität Bern zusammen.

Die Studie ist ein gemeinsames Projekt von Pro Futuris und der Stiftung Mercator Schweiz.

Team

Isabel Schuler
Projektmitarbeiterin
isabel.schuler@profuturis.ch
Ivo Scherrer
Projektleiter
ivo.scherrer@profuturis.ch
Flurina Wäspi
Projektmitarbeiterin
flurina.waespi@stiftung-mercator.ch

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